Träume vom Paradies - und nüchterne Fakten

Münchner Merkur, 23. Dezember 2011:

Lieber Peter,

in Deinem Brief zur Weihnachtsdepression hast Du Gerhard Polt die Erkenntnis zugeschrieben, dass das Paradies abgeschlossen ist und man dort in Ruhe gelassen wird. Nun will ich dem großen Polt kein Urheberrecht streitig machen, aber der langjährige Nürnberger Kulturreferent Hermann Glaser hat mir in diesem Frühjahr ein kulturgeschichtliches Buch über den Garten als Paradies auf Erden geschenkt und dort führt er aus, dass das Wort „Paradies“ ursprünglich „zwischen den Zäunen“ oder auch „zwischen den Mauern“ bedeutete, woraus deutlich werde, dass paradiesische Zustände eben nicht mit der grenzenlosen freien Natur zu tun haben, sondern ganz im Gegenteil von der Einfriedung leben. Das Wort „Einfriedung“ fällt mir gerade ein – wird Dir gefallen: Frieden schaffen durch Abgrenzung.

Es ist schon richtig: Es gibt ein Urbedürfnis nach Überschaubarkeit und Verwurzelung und nach Verständlichkeit aller Phänomene, mit denen man zu tun hat; und dieses Urbedürfnis ist nie so verletzt worden wie in Zeiten einer entgrenzten Wirtschaft, einer weltumspannenden Zwangsmobilität und einer von der Realität völlig entkoppelten Finanzwelt. Diese beschleunigte Entfernung von paradiesischen Zuständen kann einem schon die Stimmung vermiesen.

Aber gleich eine Depression? Dafür sind mir die von Dir beklagten Missstände – allen voran die Berliner Präsidialkrise – nun doch nicht gewichtig genug.

Zunächst zu Wulff. Ich habe mich da bisher jeder Äußerung enthalten, weil mir ein Kredit unter Freunden genauso wie Einladungen im Freundeskreis zunächst nicht bedeutsam genug für politische Erregung schienen. Peinlich waren dann erst die folgenden Zusatzinformationen, wonach der damalige Ministerpräsident Geschäftsbeziehungen zum kreditgewährenden Ehepaar haarspalterisch im Parlament abgestritten haben soll und im Kreise befreundeter Unternehmer regelrecht von Urlaub zu Urlaub weitergereicht worden sein muss. Richtige Schärfe kam aber erst dadurch auf, dass Wulff über die Flüge seines Amtsvorgängers Johannes Rau seinerzeit mit pharisäerhafter Moralinsäure hergezogen war und dass sein Buch, dessen Finanzierung im Dunkeln bleiben sollte, ausgerechnet den hochmoralischen Titel „Besser die Wahrheit“ trug. Alte Lebensweisheit: Je höher der moralische Anspruch, desto größer die Fallhöhe.

Trotzdem wünsche ich ihm genauso wie Du, dass er die Krise durchsteht, weil er, wenn er den moralischen Hochmut doch noch ablegt, ein sympathischer junger Präsident ist, der uns Bayern bei der OlympiaBewerbung tatkräftig unterstützt und in einer zentralen Frage – dem Umgang der Mehrheitsgesellschaft mit türkischen Einwanderern – schon jetzt viel für die Einheit in Deutschland geleistet hat. Wahrscheinlich sind wir allerdings gerade in diesem Punkt verschiedener Meinung, denn Du rätst ihm, nicht länger „der halblinken Presse nach dem Mund zu reden“, wie einst Rita Süssmuth. Da müssen wir uns wohl noch intensiver miteinander austauschen, wie denn sonst nach Jahrhunderten der Völkerwanderung und Jahrzehnten der Zuwanderung im Industriezeitalter der Frieden in einer Gesellschaft mit Menschen verschiedener nationaler, religiöser und kultureller Herkunft gewahrt und für die Zukunft gesichert werden soll. „Frieden durch Abgrenzung“ wäre da wohl eine schreckliche Illusion. Dabei kann ich das Polt'sche Bedürfnis, in paradiesischer Ruhe allein gelassen zu werden, nicht nur verstehen – ich verspüre es selber und darf es in den Ferien auch ausleben, in einem winzigen Garten mit wildem Wein auf der Pergola, einer kleinen Palme, einer prächtigen Bougainvillea und etlichen Geraniensträußen. Ich komme ins Träumen, wenn ich davon erzähle. Aber Ferienträume taugen nicht für die Gestaltung der gesellschaftlichen Realität im 21. Jahrhundert.

Ich will das Jahr auf keinen Fall mit Briefschulden enden lassen. Also beeile ich mich, Deinen Wunsch nach näheren Auskünften über meinen Besuch auf Aiwangers Bauernhof zu befriedigen. Wohlan: Ich habe ihn als sehr gut präparierten, fachlich hoch kompetenten Gesprächspartner kennengelernt, der überdies durchaus ein Meister der Inszenierung ist. In der Sache kam ich mit ihm und seinem Generalsekretär Florian Streibl zu einer langen Liste von Übereinstimmungen, die längst in der Landtagsarbeit Niederschlag gefunden hatten. Ein selbstbewusster Mensch, den man nicht unterschätzen sollte (wie es Deine Parteifreunde vom hohen Ross herab getan haben, was ich ihnen aber nicht wirklich übel nehmen kann, weil sie ihn damit stets aufs Neue motivieren, nach Alternativen zu schwarzer Dauerherrschaft zu suchen). Aber Du hast schon Recht: Mit einem Berater Hans Olaf Henkel wird das Projekt nicht gerade einfacher. Henkel hat sich ja nicht nur zum Euro, sondern auch zu bedeutenden Errungenschaften des Sozialstaats höchst skeptisch geäußert. Um es kurz zu machen: Über bundespolitische Fragen haben wir auf dem Bauernhof noch nicht gesprochen. Fortsetzung folgt.

Guten Rutsch! Und zu Silvester: Prost! Wie wir von Dr. med. Eckart von Hirschhausen wissen, wird nicht nur die CSU, wie Du hoffst, mit ihren Herausforderungen wachsen: Auch die Leber wächst mit ihren Aufgaben.

Herzlichst,
Dein Christian

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